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Digitale Videos als virtuelle Erinnerungsräume: Wie Soziale Medien historische Orte erweitern

Die ersten Akkorde von Sara Kays‘ „Remember That Night“ erklingen, während eine Handykamera schnell an einer Wand entlang schwenkt. Darauf ist, durchbrochen von einem Durchgang, das Wort „Gedenkstätte“ zu lesen. Nach einem Schnitt folgen Schwenks über das Modell eines triangelförmigen Ortes sowie Plakate und Informationstafeln einer Ausstellung. Ein kurzer, verwackelter Fokus auf ein Eisentor, und dann trifft der Blick auf ein weitläufiges Gelände. Durch solche Aufnahmen eignen sich Besucher:innen historische Orte medial an, überschreiben sie mit ihren Erfahrungen und Eindrücken und erzählen neue Geschichten. Daher stellt sich die Frage, inwiefern  digitale Videos zu neuen Formen des Erinnerns beitragen, und welche Möglichkeiten dies für die Vermittlungsarbeit von Gedenkstätten bietet.

Das oben beschriebene Video wurde von dem Account „thlovecarousel“ Anfang August 2021 auf die Kurzvideoplattform TikTok hochgeladen. In dem beigefügten Text heißt es: „it was an enriching yet depressing day for us in #sachsenhausen #berlin #concentrationcamp“. Beigefügt sind noch die hashtags: „#traveltiktok“, „#ww2“ und „#traveldiaries“. Das Video selbst begrüßt die Nutzer:innen der Plattform nicht nur mit dem Schwenk über den Eingangsbereich der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen bei Berlin, das auch durch einen Geomarker markiert ist, sondern fordert mit einer Texteinblendung dazu auf: „Visit Sachsenhausen Concentration Camp with me“.

Es ist natürlich nicht das Konzentrationslager Sachsenhausen, dass die ansonsten auf Food Reviews spezialisierte TikTokerin Cynthia besucht hat, sondern eine Gedenkstätte am historischen Ort. Das zwischen den „visuellen Fragmenten“ auf ihrem Account eingereihte Video versucht aber dennoch die Gegenwart des Besuchs mit der erinnerten Vergangenheit zu verbinden. Es sind darum auch nicht zufällig mediale Installationen wie das Lagermodell oder die Ausstellungstafeln, die von der Kamera in den Blick genommen werden. Sie dienen als Erweiterungen des historischen Ortes, den Cynthia mit Hilfe ihres auf TikTok hochgeladenen Videos auch anderen Nutzer:innen nahe bringen möchte: „A must visit place in Berlin if you want to learn more about WW2“.

Transportable Orte

Für individuelle Nutzer:innen sind soziale Medienplattformen schon längst zu Erweiterungen historischer Orte geworden. Sie erkunden diese nicht nur mit, sondern auch durch ihre mobilen Endgeräte und können in Multimediaplattformen ihre visuellen Eindrücke gleich mit Text und Musik versehen und zu einem virtuellen Rundgang zusammen schneiden, der, wie durch obige Hashtags angekündigt, einem digitalen Reisetagebuch entspricht. So entstehen, wenn auch oft in verkürzter und nicht selten verzerrter Form, virtuelle Erinnerungsräume, die durch kurze, multimodale – also verschiedene Bild-, Ton-, und Textebenen verbindende – Videos konstituiert werden, die geteilt, kommentiert und – auf einer Plattform wie TikTok – auch zum Ausgangspunkt eigener Erfahrungen mit der Geschichte des Holocaust und anderer verstörender Vergangenheiten werden können.

Nicht nur auf TikTok, sondern auch auf Facebook, Instagram und insbesondere auf YouTube haben Videoformate eine Renaissance erlebt und scheinen sich besonders gut dazu zu eignen, transportable Erinnerungsräume zu evozieren, die historische Orte und museale Landschaften erweitern.

Ein zentraler Motor dieser sich bereits seit einigen Jahren insbesondere im Feld der Erinnerung an den Holocaust abzeichnenden Entwicklung, die maßgeblich durch Praktiken wie der Selfie-Kultur und Formate wie Video-Logs unterstützt wurde, waren neue Vermittlungsformen, die sich während der COVID-19 Pandemie in Reaktion auf die damit verbundenen Einschränkungen, weiter ausdifferenzierten und auf sozialen Netzwerken geteilt wurden.

Digitale Videos eröffnen besondere Möglichkeiten, historische Orte „transportabel“ zu machen. Es ist relativ einfach, einen solchen Ort mit einem mobilen Gerät zu erkunden und diesen Besuch aufzuzeichnen. Die Kamera fungiert dabei wie die Erweiterung des eignen Sehsinns. Folglich nehmen solche Videos oft historische Spuren in den Blick und folgen damit einer Suchbewegung. Durch den Schnitt und die damit verbundenen Möglichkeiten verschiedene Einstellungen und Materialien miteinander in Beziehung zu setzen, ist es aber auch möglich, die Orte selbst zu erweitern, sei es, indem durch die Verwendung historischer Fotografien oder Filmaufnahmen eine zeitliche Erweiterung vorgenommen und auf diese Weise eine Art Co-Präsenz von Gegenwart und Vergangenheit evoziert wird, sei es, indem mit Hilfe von Übersichtskarten oder Luftaufnahmen andere Perspektiven hinzugefügt werden.

 

Dazu kommt die Verwendung von Ton. Durch die direkte Ansprache der Zuschauer:innen entsteht in solchen Internetvideos eine Form der Aktivierung. Die Nutzer:innen werden auf diese Weise in den Prozess der Erinnerungsarbeit involviert, was sich dann auch in responsiven oder partizipatorischen Formen wie Liken, Kommentieren oder Teilen äußern kann. Die Verwendung von Ton kann aber auch Multiperspektivität erzeugen, die sich in Vielstimmigkeit ausdrückt, insbesondere, wenn auch die Stimmen von Überlebenden der nationalsozialistischen Verbrechen integriert werden. Musik hingegen kann durchaus auch problematische Effekte zur Folge haben. Extradiegetische Musik liefert oft bereits ein bestimmtes Interpretationsangebot, und dieses kann zu einer irritierenden oder vermeintlich unangemessenen Rahmung des Themas oder des Ortes führen. Musik kann die immersive Erfahrung der Nutzer:innen aber auch intensivieren. Dies kann zu einer stärkeren Bereitschaft führen, sich mit dem Thema oder Ort zu beschäftigen. Solch immersiver Einsatz von Musik kann aber auch stärker reflexive Formen der Auseinandersetzung verhindern und einen identifikatorisch-passiven Nutzungsmodus fördern. Schließlich kann Musik aber auch einen sowohl irritierenden als auch aktivierenden Effekt haben, insbesondere, wenn sie kontrastierend eingesetzt wird. Das wohl berühmteste Beispiel dafür ist das auf YouTube geteilte Video „Dancing Auschwitz“ von Jane Korman, das sie zusammen mit ihrem Vater, einem Überlebenden der Shoah, und ihrer Familie an verschiedenen Tatorten der nationalsozialistischen Verbrechen zeigt wie sie nach dem Lied „I will survive“ von Gloria Gaynor tanzen.

Virtuelle Erweiterung

Im Kontext der durch die COVID-19 Pandemie verursachten Beschränkungen haben Gedenkstätten verstärkt die Möglichkeiten digitaler Videos genutzt, um einerseits Zugang zu den historischen Orten aus der Distanz zu ermöglichen und andererseits die Orte selbst transportabel zu machen und in den durch Soziale Medien konstituierten „virtuellen Raum“ zu überführen (siehe auch hier).

Auf diese Weise bilden digitale Videos einen virtuellen Erinnerungsraum, der den realen Raum erweitert, wie beispielsweise im Fall der digitalen Videoreihe „Perspektiven auf die Geschichte des Konzentrationslagers Sachsenhausen“. Deren einzelne Folgen konnten Besucher:innen der Gedenkstätte mit Hilfe von QR-Codes an den entsprechenden Orten auf ihren mobilen Geräten anschauen. Auf sozialen Netzwerken virtualisieren solche Videos aber andererseits auch den historischen Ort. Kurze Instagram-Videos der Gedenkstätte Neuengamme nahmen beispielsweise ganz konkrete Orte und Gegenstände auf dem Gedenkstättengelände in den Blick und kontextualisierten diese mit Hilfe von begleitenden Bildbeschreibungstexten (siehe hier). Ein Video der Reihe „Perspektiven auf die Geschichte des Konzentrationslagers Sachsenhausen“ wendete sich dem ansonsten weitgehend unmarkierten Ort des ehemaligen KZ Oranienburg zu und evozierte dessen Geschichte mit Hilfe der Beschreibungen durch den Guide und ergänzender Bildmaterialien (siehe hier). Die Reihe „Bildungsarbeit digital“ der Gedenkstätte Mauthausen verwendete das Format des digitalen Videos, um verschiedene Aspekte des Lagers und seiner Nebenlager sowohl vor als auch nach 1945 zu beleuchten (hier). Die 49 Videos der Reihe evozierten also einerseits den historischen Ort mit Hilfe von Fotografien, Zeugenaussagen, Karten und den Beschreibungen der Guides im virtuellen Raum vernetzter Onlinemedien, und virtualisierten gleichzeitig den Ort der Gedenkstätte, indem sie diesen in eine neue Onlinetopographie übersetzten. Verbunden durch einen gemeinsamen Hashtag, und zugänglich über eine entsprechende Internetseite, vermaßen diese Videos den historischen Ort mit Mitteln digitaler Videographie.

Tik Tok als virtueller Erinnerungsraum

Die Kurzvideoplattform TikTok stellt solche digitalen Formen virtueller Erinnerung erneut vor Chancen und Herausforderungen. Zum einen ermöglichen die in die App integrierten Features und Effekte eine erweiterte Bandbreite sowohl der Erschließung historischer Orte, als auch ihrer kommunikativen Vernetzung. Zum anderen führt die niedrigschwellige Produktionsmöglichkeit zu einer Fülle von Nutzer:innen generierter Inhalte, die wiederum konventionelle und oft stereotyp-ikonisierende Formen der Aneignung historischer Orte begünstigen. Dennoch ermöglicht es die auf der Plattform dominante Point-of-View (POV) Perspektive, subjektive Ortserkundungen mit anderen zu teilen und auf diese Weise die historischen Orte auch im virtuellen Raum erfahrbar zu machen. Dabei kann die für die Plattform typische Loop-Funktion, also die Tatsache, dass die kurzen Videos nach dem Abspielen ohne Unterbrechung wiederholt werden, den virtuellen Besuch des Ortes sogar noch intensivieren. Ein Beispiel dafür ist ein TikTok-Video, das von dem kürzlich online gegangenen Account der Gedenkstätte Neuengamme hochgeladen wurde (siehe hier). Daniel, ein in der Gedenkstätte aktiver Freiwilliger, begrüßt die User:innen am historischen Lagertor und betritt mit ihnen zusammen die Gedenkstätte. Die Kamera dreht sich dabei leicht um ihn herum und nimmt das Gelände in den Blick. Ein für soziale Netzwerke typischer Geomarker identifiziert dabei den historischen Ort. In den darauf folgenden Einstellungen stellt Daniel sich und den neuen TikTok Account der Gedenkstätte vor und verweist dann wiederum auf seine eigene Begegnung mit dem historischen Ort, die nahtlos an den Anfang des im Loop wiedergegebenen Videos anschließt.

Zwei weitere TikTok Videos aus Neuengamme nutzen insbesondere die Möglichkeiten des Greenscreens zur räumlichen Erweiterung. In den Videos “3 reasons why you DON’T know Neuengamme” (siehe hier)und „3 reasons why you SHOULD know Neuengamme” (siehe hier)erklärt Daniel gemeinsam mit der Freiwilligen Solomiia einige Hintergründe der Geschichte des ehemaligen Konzentrationslagers und der Gedenkstätte. Dazu verwenden sie historische Karten und Fotografien des Gedenkstättengeländes, die mit Hilfe des Greenscreen Modus eingeblendet werden, und mit denen die beiden auf diese Weise interagieren können.

Die beiden darauf folgenden Videos nutzen wiederum die Möglichkeiten der dialogischen Vernetzung und Bezugnahme, die für die Kommunikation auf TikTok typisch sind. Das Video „The evacuation of Neungamme“ bezieht sich zurück auf die vorherige Erklärung der Gründe, warum Neuengamme aufgrund fehlender Bilder aus der Zeit der Befreiung lange Zeit im öffentlichen Gedächtnis weniger präsent war (siehe hier). Dazu wird zusätzlich zu einer mit Hilfe des Greenscreen-Effekts im Hintergrund eingeblendeten Karte der Region, mit der Daniel im Folgenden interagiert, ein Still aus dem früheren Video als Bild-im-Bild eingeblendet. Auf diese Weise erweitert sich der virtuelle Raum sowohl zeitlich im Hinblick auf die erzählte Geschichte(n), als auch räumlich im Hinblick auf den historischen Ort, und schließlich palimpsestisch, indem verschiedene mediale Darstellungen übereinander gelagert werden, die mit der virtuellen Topographie der TikTok Videos korrespondieren.

 

So können immer wieder neue Wege und Abzweigungen genommen werden, wie beispielsweise in einem weiteren Video der Gedenkstätte Neuengamme, das die Möglichkeit des „Stitchens“ nutzt. Dabei werden bestehende TikTok Videos zitiert, indem ein kurzer Ausschnitt aus diesen Videos in die eigene Produktion übernommen wird, um dann darauf zu reagieren und dem im ursprünglichen Video Gesagt- oder Gezeigten eine neue Richtung zu geben. Genau das macht das Video “Want to get to know another volunteer?” (siehe auch hier). Es beginnt mit einem Stich des ersten Videos von Daniel, in dem er die Freiwillige Solomiia vorstellt. Dann „übernimmt“ Solomiia, die in einem „Bild-im-Bild“ Fenster eingeblendet wird und erzählt, durch die Ausstellung der Gedenkstätte gehend, von ihren Erfahrungen. Zusätzlich ist das Video eine Antwort auf einen Nutzer:innen Kommentar zu dem ersten Video. Als solche Videoantwort folgt das Konzept der dialogischen Struktur der Plattform und stellt somit eine doppelte Beziehung zu dem früheren Post her: palimpsestisch und responsiv.

Ausblick

Die Vielschichtigkeit von TikTok Videos, die verschiedene Elemente wie Bild, Text, Musik und Sprache miteinander verbindet, auf vielfältigen Effekten basiert und durch Formen wie den Stitch, die direkte Reaktion auf Kommentare oder auch durch die Form des Duetts (eine besondere Verwendung des Splitscreens) netzwerkartige Beziehungen zu anderen Videos herstellt, können digitale Videos auf TikTok einen virtuellen Erinnerungsraum bilden, der die historischen Orte erweitert und gleichzeitig in die konnektiven und partizipativen Formen der virtuellen Erinnerung in den Sozialen Medien und auf Online-Plattformen überführt.

Tobias Ebbrecht-Hartmann ist Senior Lecturer für Visuelle Kultur, Film und Deutsche Kultur- und Sozialgeschichte an der Hebrew University Jerusalem. Er publiziert und forscht zu verschiedenen medialen Ausprägungen der Erinnerung an die Shoah, insbesondere zu Formen des filmischen und der digitalen Gedächtnisses.

Er ist wissenschaftlicher Experte im SPUR.lab.

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